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Interview mit Rupert Schäfer, The Nunatak Group

Bedeutende Fehler von Unternehmen im Innovationsmanagement

| Redakteur: Julia Moßner-Klett

Das Buzzword „Innovation“ ist in aller Munde, doch viele Unternehmen tappen wiederholt in die gleichen Fallen, wenn es darum geht, diese voranzutreiben. Als Geschäftsführer eines Münchner Digitalstrategie-Beraters fällt Rupert Schäfer auf, dass gute Ergebnisse oft ausbleiben.

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Ein konsequenter Innovationsprozess, der nahe am Kerngeschäft angesiedelt ist, braucht eine übergreifenden Innovationskultur, die von den Führungskräften vorgelebt wird und vom Austausch mit Mitarbeitern lebt.
Ein konsequenter Innovationsprozess, der nahe am Kerngeschäft angesiedelt ist, braucht eine übergreifenden Innovationskultur, die von den Führungskräften vorgelebt wird und vom Austausch mit Mitarbeitern lebt.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay)

Herr Schäfer, Deutschland wird in einer Umfrage des World Economic Forum unter 12.200 Managern weltweit als Land mit der höchsten Innovationsfähigkeit gesehen, ist allerdings bei der Anmeldung von Patenten in Europa hinter den USA, Japan und China platziert. Bei der Zahl der Patentanmeldungen liegt Deutschland weltweit auf Platz 4. Aus welchen Bereichen kommen diese Innovationen?

Im globalen Vergleich steht Deutschland in Punkto Innovationsfähigkeit wirklich gut da, vor allem bei der fortlaufenden Weiterentwicklung von Innovationen in traditionellen Bereichen wie der Autoindustrie und dem Maschinenbau. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass dem Jahresbericht des Europäischen Patentamtes zufolge die meisten deutschen Patentanmeldungen im Fahrzeugsektor und in angrenzenden Bereichen wie Sensoren und Messgeräte zu finden sind. Im Bereich Elektrofahrzeuge gab es sogar 71 % mehr Patentanmeldungen als im Vorjahr. Aber auch die Computertechnik, vor allem die Digitale Datenübertragung, verzeichnet einen Aufwärtstrend. Sicherlich können wir mit Zalando, Auto1 oder Flixbus - um mal einige zu nennen - auf sehr erfolgreiche deutsche Startups verweisen. Nachholbedarf besteht allerdings in Bezug auf wirklich disruptive Innovationen, insbesondere bei den Themen künstliche Intelligenz und Digitalisierung außerhalb der industriellen Fertigung.

Bezogen auf Innovationen: Wie gut ist Deutschland Ihrer Meinung nach im Bereich Internet of Things aufgestellt?

Rupert Schäfer arbeitet seit 2011 als Managing Partner bei der digitalen Strategieberatung The Nunatak Group in München.
Rupert Schäfer arbeitet seit 2011 als Managing Partner bei der digitalen Strategieberatung The Nunatak Group in München.
(Bild: Nunatak)

Als Industrienation besitzt Deutschland große Chancen hinsichtlich Internet of Things und Industrie 4.0. Dabei ergeben sich die größten Möglichkeiten und Auswirkungen von IoT im produzierenden Gewerbe mit einer großen Anzahl potentiell vernetzbarer Geräte und Maschinen. Eine ähnliche Entwicklung kann man bei der Versorger- und Logistikbranche sehen sowie bei der Energieversorgung. IoT wird die gesamte Volkswirtschaft verändern. Für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist es daher dringend notwendig, dass sich der Mittelstand auf dieses Thema einlässt. Potenziale sind auf jeden Fall vorhanden. Ohne den neuen Mobilfunkstandard 5G, der voraussichtlich 2020 kommt, wird jedoch gar nichts zu realisieren sein. 5G wird die Echtzeitkommunikation zwischen Mensch und Maschine ermöglichen. Dadurch entstehen vollkommen neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Roboter und Mensch. Dies bedeutet, dass Unternehmen sich auf ihre Innovationskraft konzentrieren und neue Geschäftsmodelle entwickeln können, während Maschinen die repetitiven Aufgaben übernehmen.

Welche Unternehmen sind Vorbilder, wenn es um Innovationen geht?

Innovationstreiber in Deutschland sind zum Beispiel die großen Autozulieferer wie Robert Bosch und Continental oder Osram - sie sind Vorreiter bei der Digitalisierung ihrer Produkte und erweitern zudem ihr Angebot mit Dienstleistungen wie Flottenmanagement, Kartendaten oder Ridesharing. Dadurch treten sie in direkte Konkurrenz zu den Autoherstellern, da sie selbst auf Autofahrer als Kunden zielen. Mit Blick auf den traditionellen Versicherungsmarkt gibt es Versicherer wie die Allianz, Signal Iduna oder MunichRe, deren Innovationsfähigkeit nicht zu unterschätzen ist. Dabei investieren die Versicherer nicht nur in innovative Startups, die den traditionellen Markt disruptieren und das Kerngeschäft beschleunigen, sondern auch in zukunftsweisende Technologien, die von sogenannten Deep Tech-Startups entwickelt werden.

Auch der deutsche Mittelstand zieht nach. Aktuell führt das Unternehmen Rational, das Großküchengeräte herstellt, das Exklusivranking der Top 50 innovativsten deutschen Mittelständler an. Auch Egoplast, welches sich auf Rohrleitungssysteme spezialisiert hat, ist ein schönes Beispiel aus dem Mittelstand, wie auch der Armaturenhersteller Hansgrohe.

Kapitalstarke Technologieunternehmen wie Google und Microsoft sind jedoch die eigentlichen Innovationstreiber und zwar auf globaler Ebene. Sie erobern Schritt für Schritt Märkte und sind in vielen Bereichen kompetenter. Zudem investieren sie weit mehr in Forschung und Entwicklung als deutsche Unternehmen. Im internationalen Vergleich schaffen es Unternehmen wie Bosch und Siemens unter die Top 50 der innovativsten Unternehmen – bis in die Top 10 ist es jedoch noch ein langer Weg.

Was machen diese Unternehmen – sofern man das von außen beurteilen kann – besser als andere? Oder anders gefragt: warum scheitern manche Unternehmen daran, sich neu zu erfinden?

Ein konsequenter Innovationsprozess, der nahe am Kerngeschäft angesiedelt ist und Ideen aus den eigenen Reihen nutzt, ist oft der beste Weg zu dauerhafter Veränderung. Viele Unternehmen, die innovativ und erfolgreich sind, haben es geschafft, entweder ihren Produkten nahe Serviceleistungen anzubieten, wie beispielsweise Bosch oder Continental, oder sie haben ihre Geschäftsmodelle angepasst und sind durch die Entwicklung von Plattformen erfolgreich. Schöne Beispiele dafür sind Unternehmen wie Flixbus oder Delivery Hero.

Grundsätzlich kann man zwischen vier Arten von Innovation unterscheiden: Produktinnovation, Verfahrensinnovation, Organisationsinnovation und Strategieinnovation. Innovative Unternehmen zeichnet vor allem ein Innovationsverständnis aus, das über die Entwicklung neuer Produkte hinausgeht und Perspektiven erweitert. Es gelingt ihnen über ihre eigene Branche hinaus zu denken und sich von innen heraus zu erneuern und agil zu werden.

Welches sind die drei größten Fehler, die Unternehmen im Innovationsmanagement machen?

Viel zu häufig fehlt der strategische Rahmen. Die Führungsspitze ist hier gefordert, genau zu definieren, welches Ziel erreicht werden soll. Der strategische Rahmen sollte dabei gemeinsam mit den unterschiedlichen Geschäftsbereichen entwickelt werden. Diese können entscheidend dazu beitragen, genau die Innovationen zu identifizieren, die neue Geschäftsbereiche erschließen. Die Mitarbeiter können dann Ideen entwickeln, die dazu passen und folglich auch umsetzbar sind.

Des Weiteren fehlt es oft an einer übergreifenden Innovationskultur, die von den Führungskräften vorgelebt wird. Damit Ideen überhaupt erst entstehen können, muss genügend Zeit für kreative Freiräume geschaffen werden. In der Realität ist das mittlere Management jedoch meist von Umsatz- und Renditezielen getrieben. Ideen und Innovationen können nur die wenigsten wirklich gut begleiten. Kommunikation und der regelmäßige Austausch zwischen Mitarbeitern und Führungskräften über die Vorteile und Herausforderungen einer neuen Idee sind daher enorm wichtig.

Eine weitere Hürde: Risikobereitschaft. Innovationen brauchen Zeit, Geld, Energie und die Bereitschaft verworfen zu werden, egal, wie viel Geld und Zeit bereits geflossen sind. Wer immer gleich einen positiven Return on investment (ROI) erwartet und nicht bereit ist, Risiken einzugehen, wird so schnell keine Innovation hervorbringen.

Kann man Innovationskultur lernen? Wenn ja, was ist dafür nötig?

Selbstverständlich kann man Innovationskultur lernen und im Unternehmen etablieren. Allgemein gesagt umfasst eine Innovationskultur alle Werte, Einstellungen und Normen, die das Handeln der Mitarbeiter beeinflussen und prägen. Es ist die Verantwortung aller Führungskräfte, Impulse zu setzen und Bedingungen zu schaffen, in deren Rahmen Neues willkommen ist und aktiv gesucht sowie umgesetzt wird. Dabei sind Fehlertoleranz, Risikofreude, Vertrauen, Heterogenität, Lernen, Freiräume und Kommunikation die wichtigsten Elemente, welche die Innovationskultur fördern. Die durchdachtesten Innovationsprozesse und die modernsten Innovationsmethoden werden nichts bewirken, wenn nicht die Unterstützung und Förderung durch die Unternehmensführung gegeben ist.

Wie viele Ressourcen sollte ein Unternehmen in das Thema „Innovationen“ stecken?

Das lässt sich so leicht in Zahlen nicht beantworten und ist von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich. Wichtig ist, dass es eine auf die unternehmerischen Herausforderungen ausgerichtete Innovationsstrategie gibt. Dadurch wissen alle Mitarbeiter inklusive Führungskräfte in welchen Bereichen sie nach Innovationen suchen sollen, welcher Anspruch an das, was innovativ ist, im Unternehmen besteht und was eine Innovation in ihrem Unternehmen ist. Fakt ist, um am Markt überleben zu können, muss jedes Unternehmen Zeit, Geld, Personal und Betriebsmittel für Innovationen zur Verfügung stellen.

Eine gute Idee, ist noch keine Innovation. Woran erkennt man die wirklich guten Ideen, aus denen Innovationen entstehen können?

Eine Innovation ist die Umsetzung einer Idee, die für sehr viele Menschen funktioniert – im besten Fall immer und überall. Dabei muss man nicht immer etwas komplett Neues erfinden. Es kann sich auch um Erneuerungen bestehender Prozesse und Produkte handeln oder um Innovationen in sehr spezialisierten Bereichen, die nicht so viele Menschen betreffen. Glücklicherweise gibt es für wirklich gute Ideen einen zuverlässigen Indikator. Dieser Indikator funktioniert, weil die besten Ideen in einer Gruppe, beispielsweise die Gruppe der Führungskräfte, eine typische Reaktion auslösen. Wenn ein Teil der Gruppe eine Idee sehr positiv beurteilt und ein anderer Teil die selbe Idee sehr negativ bewertet, spricht man von einem polarisierten Ergebnis. Ideen, die eine polarisierte Reaktion auslösen, sind in der Regel sehr innovativ. Der Grund für dieses Verhalten ist schnell erklärt: Ein Teil sieht in der Idee vor allem große Vorteile. Der Teil der Gruppe, der negativ gestimmt hat, sieht zum Beispiel Schwierigkeiten in der Umsetzung. Der restliche Teil lehnt die Idee grundsätzlich ab, weil sie ihr Weltbild erschüttert. Gruppen, die auf sich allein gestellt sind, wählen polarisierende Ideen nicht aus – dafür sorgen die Negativstimmen der Gegner. Daher ist es umso wichtiger, dass man diese Gruppen begleitet. Ansonsten ist das Ergebnis, dass weniger gute, aber dafür konsensfähige Ideen zu den Siegern erklärt werden. Dies ist aber oft ein Fehler.

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