Durchstarten 2021 „Aus der Corona-Zeit lässt sich viel Schwung mitnehmen“

Redakteur: Sebastian Human

Wie erlebt ein erfahrenes Technologieunternehmen die aktuelle Zeit? Welche Einschränkungen machen sich auch hier aufgrund der Covid-19-Pandemie bemerkbar? Diese Fragen beantwortet uns Stephan Ellenrieder, Stephan Ellenrieder arbeitet als Senior Vice President Zentraleuropa und Geschäftsführer PTC Deutschland.

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Stephan Ellenrieder arbeitet als Senior Vice President Zentraleuropa und Geschäftsführer PTC Deutschland, einem Anbieter von Technologielösungen für die digitale Transformation.
Stephan Ellenrieder arbeitet als Senior Vice President Zentraleuropa und Geschäftsführer PTC Deutschland, einem Anbieter von Technologielösungen für die digitale Transformation.
(Bild: Vogel Communications Group/PTC)

Herr Ellenrieder, bitte beschreiben Sie das allgemeine Stimmungsbild in Ihrem Unternehmen.

Aus der Geschäftsperspektive ist die Stimmung bei PTC sehr gut. Dank unserer vielfältigen Lösungen in Bereichen wie dem IoT und AR, die gerade in Pandemie-Zeiten für unsere Kunden von Vorteil sind, konnten wir unseren Umsatz steigern und kommen somit aktuell finanziell sehr gut durch die Krise. Wir sind froh, dass wir keine Kurzarbeit anmelden und keine Arbeitsstellen abbauen mussten.

Dennoch spüren auch wir, dass die neuen Umstände für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kräftezehrend sind. Die Mehrbelastung durch Homeschooling, Homeoffice oder auch Isolation geht auch an unseren Teams nicht spurlos vorbei. Hier versuchen wir so gut es geht gegenzusteuern. Wir haben alle Führungskräfte sensibilisiert, noch mehr auf das mentale Wohlbefinden aller Kollegen und Kolleginnen zu achten. Darüber hinaus bieten wir Online-Sport- und Meditationskurse an, haben unter anderem Kuchenbackwettbewerbe, gesellige Kochkurse und vieles mehr ins Leben gerufen, um den Spaßfaktor nicht zu vergessen und unser Employee Assistance Programm ausgeweitet. Hier kann jeder Mitarbeiter beziehungswiese jede Mitarbeiterin anonym anrufen und mit jemandem außerhalb des Unternehmens über Probleme und Sorgen sprechen. Unser Ziel ist es, so gut es geht flexibel zu bleiben, um das Wohlbefinden der Menschen, die hier arbeiten, zu sichern.

Welche Probleme/Herausforderungen treten in Ihrem Unternehmen während der COVID-19-Krise auf?

Zwar hatten wir bereits gute Infrastrukturen, um effizient auf Heimarbeit umzustellen, allerdings liegen gerade hier auch die Herausforderungen: Während festgelegte Prozesse auch virtuell gut funktionieren und wir unserer Arbeit in diesen Bereichen wie gewohnt nachgehen können, leidet die persönliche Interaktion sowie der sporadische Flurfunk. Diese Art der Kommunikation war und bleibt bei der Bewältigung unvorhergesehener Herausforderungen enorm wichtig, um flexible Lösungen hervorzubringen, aber auch um neue Ideen entstehen zu lassen.

Hinzu kommt, dass die Nachfrage nach unseren Lösungen gestiegen ist. Unsere Teams müssen sehr flexibel agieren und leisten teilweise noch mehr als vor der Krise. Zu der gestiegenen Arbeitsbelastung kommt bei vielen eine Doppelbelastung hinzu, beispielsweise durch Homeschooling oder fehlende Kinderbetreuung. Deshalb bieten wir unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen bei Bedarf die Möglichkeit bei voller Bezahlung in Teilzeit zu arbeiten. Außerdem hatte jede und jeder am Anfang der Pandemie die Möglichkeit, 30 Tage Emergency Leave zu nehmen, falls es einen Corona-Fall in der Familie gab oder die Kinderbetreuung gewährleistet werden musste. In diesen Fällen wurden die betroffenen Kolleginnen oder Kollegen bis zu 30 Tage bezahlt freigestellt. Aktuell bieten wir neben der Möglichkeit einer beschriebenen Teilzeit auch weiterhin 10 Tage Emergency Leave an.

Auf der Geschäftsebene fehlten die Präsenztermine zum Beispiel in unserem Industrial Experience Center, kurz IXC, in Aachen. Normalerweise zeigen wir hier Unternehmensvertretern vor Ort, welche Technologien sie für ihre digitale Transformation nutzen können. Diese Besprechungen sind natürlich nicht mehr möglich und wir mussten neue Wege finden.

Im IXC haben wir deshalb innerhalb kürzester Zeit ein TV-Studio aufgebaut. So zeigen wir interessierten Unternehmen unsere vielen Lösungen und helfen ihnen, Rückschlüsse auf ihre individuellen Herausforderungen zu ziehen. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass signifikant mehr Personen aus einem Unternehmen an virtuellen Besuchen teilnehmen als an Vor-Ort-Terminen. Zudem finden anstatt 15 Vor-Ort-Besuchen nun 20 virtuelle Besuche im Monat statt. Auch hier waren unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sehr agil im Entwickeln und Umsetzen neuer Formate, die wir auch langfristig weiternutzen werden.

Wie wirken sich diese Probleme auf Ihre eigene Arbeit aus?

Auch ich spüre, dass sich die Frequenz, mit der ich Aufgaben abarbeite, signifikant erhöht hat. Da Reisewege wegfallen, hat sich die Effizienz im gesamten Team gesteigert, dadurch fehlt aber auch die Zeit zum Durchatmen und zur Selbstreflexion. Außerdem sitze ich mehr und länger am Schreibtisch: Was vorher ein kurzer Gang ins nächste Büro für eine Besprechung war, wird nun virtuell abgewickelt. Da steht man nicht mehr auf. Deshalb war es uns wichtig, auch die Gesundheit unserer Belegschaft im Blick zu behalten und auch alle anzuhalten, sich konsequent regelmäßige Pausenzeiten einzuplanen, die bewusst nicht am Laptop verbracht werden. Ich gebe mein Bestes, Termine für 50 Minuten statt einer Stunde anzusetzen, damit jeder und jede im Anschluss zehn Minuten Zeit hat, um auch einmal kurz an die frische Luft zu gehen und durchzuatmen.

Werden wir wieder zu einem „Normalzustand“ wie vor der Krise zurückkehren oder werden sich Prozesse und Abläufe künftig dauerhaft ändern? Wenn ja, mit welchen Änderungen rechnen Sie?

Ich gehe nicht davon aus, dass wir wieder zum vorherigen Normalzustand zurückkehren werden. Im vergangenen Jahr haben sich viele Gewohnheiten geändert und eingefahrene Muster wurden aufgebrochen. Das ist nicht immer etwas Schlechtes.

Wir gehen davon aus, dass sich auch in Zukunft die Arbeit noch flexibler gestalten wird. Bei vielen Prozessen, die vorher als gesetzt galten, haben wir gesehen, dass es auch anders geht und können nun für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine noch bessere und maßgeschneiderte Arbeitsumgebung schaffen. Auch wenn es vielen Unternehmen noch schwerfällt: Ein Zurück gibt es nicht mehr und wir müssen und sollten uns dauerhaft auf ein verändertes Arbeiten einstellen. Aus der Corona-Zeit lässt sich viel Schwung mitnehmen.

Welche Lerneffekte haben Sie aus der Krisensituation mitgenommen und fühlen Sie sich für die Zukunft gewappnet?

Wir haben an vielen Stellschrauben gedreht und viele Prozesse schlanker gestaltet. Die Art und Weise der Zusammenarbeit werden wir auch künftig verändert beibehalten. Zudem sind wir durch die Krise dezentraler geworden. Wir haben gelernt, dass wir unsere Arbeit auch vom Homeoffice effektiv verrichten können. Obwohl wir weiter voneinander entfernt sind, sind wir emotional als Team noch mehr zusammengewachsen, denn wir haben wahnsinnig viel übereinander gelernt: Wir kennen jetzt unsere Haustiere, wissen, wer welches Instrument spielt und haben die Familien der Kolleginnen und Kollegen virtuell getroffen. Auch aus diesen privaten Eindrücken ziehen wir viel Kraft.

Welche Rolle können IoT-Technologien in diesem Kontext spielen?

Bisher wurden viele unserer Technologien von Unternehmen als Zukunftsmusik angesehen. Seit zwei Jahrzehnten reden wir über viele dieser Werkzeuge und Plattformen, sie wurden aber oft als nicht relevant genug für die Implementierung abgetan. Das hat die Pandemie drastisch geändert.

Die Möglichkeit durch das IIoT und AR auf physische Assets zu schauen, ohne vor Ort sein zu müssen, ist zu einer Notwendigkeit geworden. Durch die reduzierten Reisezeiten haben Unternehmen, die digital unterwegs sind, viel Zeit gewonnen, viel Geld gespart und sind insgesamt flexibler und agiler. Das sind Vorteile, die viele unserer Kunden jetzt nicht mehr missen möchten.

Gibt es positive Aspekte, die Sie für Ihren Arbeitsalltag aus der COVID-19-Krise mitnehmen?

Wir haben Präsenzmeetings mehr schätzen gelernt und werden diese künftig noch konstruktiver gestalten. Gleichzeitig hat sich das gesamte Team auf eine ganz neue Art kennengelernt und, wie bereits erwähnt, durch mehr private Einblicke ein tieferes Verständnis füreinander entwickelt. So ist der Umgang miteinander noch wertschätzender geworden. Wir haben neue Kenntnisse über die Stärken und Schwächen jedes und jeder Einzelnen gewinnen können – Faktoren, die uns auch nach Corona helfen werden, die Aufgabenbereiche besser einzugrenzen oder zu erweitern. Zwar haben wir bei PTC schon immer flache Hierarchien gelebt, jetzt haben sich die Entscheidungsprozesse aber noch weiter verschlankt und verbessert.

Bremst die Pandemie die Entwicklung hin zur Industrie 4.0, oder fördert die Krise diese eher?

Die Entwicklung von Industrie 4.0 hat sich durch die Pandemie aus unserer Sicht definitiv beschleunigt. Die Notwendigkeit, neue Technologien einzusetzen, um sicher arbeiten und produzieren zu können, hat bei vielen Unternehmen zu einem Umdenken geführt.

Wir haben während der Krise einige unserer Lösungen wie Vuforia Chalk und Onshape kostenlos zur Verfügung gestellt und damit nicht nur Unternehmen geholfen, sondern auch beispielsweise Schulen und Studierenden Werkzeuge an die Hand gegeben, mit denen sie auch von zu Hause aus weiter effektiv lernen und sich weiterentwickeln können. So entsteht kein Rückstand in der Ausbildung der Ingenieure und Ingenieurinnen von morgen, die wiederum gelernte und geschätzte Technologien auch künftig in ihrem Arbeitsumfeld erwarten werden. So wird eine gute Digitalisierungsstruktur für jedes Unternehmen zum wichtigen Pluspunkt bei der Ansprache potenzieller neuer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Welchen Herausforderungen abseits der COVID-19-Krise sehen Sie sich in Ihrem Arbeitsalltag derzeit ausgesetzt?

Viele Herausforderungen, die bereits vor der Krise die Arbeitswelt bewegten, sind durch die Pandemie nicht einfach verschwunden. Themen wie die alternde Belegschaft oder der Klimawandel sind nach wie vor aktuell. Gleichzeitig müssen wir uns als Unternehmen auch während und nach der Pandemie mit der Frage beschäftigen, wie wir junge Talente für uns begeistern können. Was treibt sie an? Was erwarten sie von uns als Unternehmen? Welche Leistungen sind gewünscht? Diese Aspekte bleiben relevant.

Wenn Sie einem/-r Einsteiger*in Ihr Arbeitsgebiet schmackhaft machen wollen, wie machen Sie das?

Wir bieten Einsteigerinnen und Einsteigern die Möglichkeit, aktiv an den Technologien der Zukunft mitzuarbeiten und sie weiterzuentwickeln. Dabei kommen sie gleichzeitig mit vielen Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen in Kontakt und können aus erster Hand lernen, welche Herausforderungen sie antreiben.

Intern freuen wir uns, dass wir – obwohl ein globales Unternehmen – dennoch durchgängig und über alle Bereiche und Hierarchien hinweg eine offene Kommunikation ermöglichen. Ein schönes Beispiel kommt aus der Corona-Zeit: Unser globaler CEO Jim Heppelmann hat alle 14 Tage eine persönlich gehalten interaktive Videokonferenz-Serie eingeführt, zu der alle Mitarbeiter weltweit eingeladen sind, sich mit ihm und weiteren Führungskräften direkt auszutauschen. Am Ende jeder Konferenz spielt unsere neu gegründete Hausband, die versteckte musikalische Talente ans Licht gebracht hat. Wir bleiben in Kontakt, wir lernen uns kennen und wir haben Spaß dabei.

Welche persönlichen Worte möchten Sie Kolleg*innen in Ihrer Branche und Ihrem Unternehmen mit auf den Weg geben?

Die Krise hat uns allen gezeigt, wie stark wir wirklich sind und was wir gemeinsam schaffen können. Es freut mich sehr, dass das Teamplay noch besser geworden ist; nicht nur intern, sondern auch extern mit unseren Kunden. Die Pandemie hat uns noch deutlicher gemacht, wie sinnvoll und wichtig unsere Technologien sind und wir sind unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sehr dankbar, dass sie auch in Heimarbeit und trotz aller privaten Herausforderungen das gestiegene tägliche Pensum bemerkenswert bewältigt haben.

Vielen Dank für Ihre Zeit und die Antworten.

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