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Connectivity

5G - vom Schneckeninternet bis zur Datenrennbahn

| Redakteur: Jürgen Schreier

Der Ausbau der Telekommunikationsinfrastruktur hin zum 5G-Mobilfunkstandard wird nicht nur die Tarifvielfalt im Telekommunikationsmarkt in Deutschland weiter vergrößern, sondern auch die Entwicklung von Modellen im Rahmen der gesetzlich verankerten Netzneutralität erforderlich machen.

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Mit Zero-Rating-Tarifen steuern die Telekommunikationsanbieter die Datenauslastung. Gleichzeitig profitieren sie durch Einnahmen von den Streaming-Partnern, während die Zusatzleistung für den Kunden größtenteils kostenlos bleibt.
Mit Zero-Rating-Tarifen steuern die Telekommunikationsanbieter die Datenauslastung. Gleichzeitig profitieren sie durch Einnahmen von den Streaming-Partnern, während die Zusatzleistung für den Kunden größtenteils kostenlos bleibt.
(Bild: Pixabay / CC0)

Die rasant steigende Zahl vernetzter Geräte im Internet der Dinge wird deutlich schnellere Leitungen benötigen, über die permanent Daten gesendet und empfangen werden können. Damit kommt der neue Mobilfunkstandard 5G in den Fokus. Auch der der Bedarf an Spezialtarifen für Dauerstreaming abseits der gängigen Volumenverträge dürfte damit zunehmen, so eine Markteinschätzung von Sopra Steria. Parallel blieben jedoch auch preiswerte Angebote für die "Normalnutzer" wichtig, ist man bei dem Beratungsunternehmen überzeugt..

Bereits heute bieten die beiden großen Netzbetreiber sogenannte Zero-Rating-Tarife an. Kunden mit einem bestimmten Vertrag können die Dienste von Partner-Streaming-Anbietern wie Video- und Musikportalen nutzen, ohne ihr normales Datenkontingent zu verbrauchen. Das Angebot richtet sich an Kunden, die besonders häufig datenintensive Inhalte dieser Partner nutzen.

Zahl der 5G-Interessenten wächst

Die Telekommunikationsanbieter steuern damit die Datenauslastung. Gleichzeitig profitieren sie durch Einnahmen von den Streaming-Partnern, während die Zusatzleistung für den Kunden größtenteils kostenlos bleibt. Diese Zero-Rating-Tarife sind nicht unumstritten. Verbraucherschützer mahnen die Netzneutralität an, auch die Bundesnetzagentur hat die Anbieter zu Nachbesserungen aufgefordert.

Der Bedarf nach Spezialtarifen für schnelles, staufreies Internet wird dennoch eher zunehmen - und zwar befeuert durch den 5G-Netzausbau. 5G ermöglicht Bandbreiten von zehn Gigabit pro Sekunde und Latenzzeiten von unter einer Millisekunde. Anwendungen für Telemedizin, Maschine-zu-Maschine-Kommunikation (M2M) und autonomes Fahren werden damit breitentauglich.

"Es wird für die großen Telekommunikationsanbieter damit deutlich mehr mögliche Partner geben, die an schnellem, überall verfügbaren, Internet interessiert sein werden - nicht mehr nur die Content-Lieferanten wie die Film-, Musik- und Spieleindustrie", sagt Jens Liepertz, Leiter des Geschäftsbereichs Telecommunications von Sopra Steria Consulting.

5G ermöglicht neue Geschäftsmodelle

Das versetzt die Branche in die Lage, neue Geschäftsmodelle für das 5G-Zeitalter zu entwickeln, um die zu erwarteten Milliardenausgaben für die 5G-Frequenzen zu refinanzieren. "Das enorme Tempo und die geringe Verzögerung der 5G-Technologie machen Entwicklungen wie autonomes Fahren und Industrie 4.0 erst möglich. Dadurch erhöht sich jedoch die Zahl der Netzteilnehmer stark, außerdem wird die Vernetzung der verbundenen Netzobjekte um zirka den Faktor 1.000 steigen", sagt Marcello Carosella, Telekommunikationsexperte von Sopra Steria Consulting, im Interview für die Videoreihe Nao'Days.

Während ein großer Teil der Privatkunden das Potenzial von 5G kaum ausschöpfen dürfte, wird es neue, intelligente Anwendungen in der Medizin und in der Automobilindustrie geben, für die 5G-Technik zu jeder Zeit verfügbar sein muss. "Der Druck auf die Telekommunikationsbranche, stärker nach Geschwindigkeit und Datendurchsatz zu segmentieren, wird sukzessive steigen. Die Herausforderung wird darin bestehen, Modelle im Rahmen der gesetzlich verankerten Netzneutralität zu entwickeln. Die aktuellen Diskussionen rund um bestehende Zero-Rating-Angebote zeigen, dass dies nicht trivial ist", sagt Jens Liepertz.

Denkbar sind darüber hinaus Beteiligungen anderer Branchen an den 5G-Investitionen. Es sei durchaus realistisch, dass sich Content-Lieferanten aus der Unterhaltungsindustrie selbst verstärkt als Netzanbieter engagieren. Als so genannte Mobile Virtual Network Operator könnten sie eigene Angebote in individuell zugeschnittene Mobilfunktarife verpacken. Eine Differenzierung zu den zahlreichen bestehenden All-Flat-Anbietern bliebe so gewährleistet.

"Die Einbindung so genannter Over-the-top-Content-Anbieter (OTTs) wie Amazon Prime, Netflix und Sky Go kann sich für den Netzausbau und die Finanzierung einer immer teurer werdenden Telekommunikationsinfrastruktur als Vorteil erweisen. Wenn die OTTs einen Mehrwert in einem schnellen Netz sehen und investieren, bekommt auch das Projekt Breitbandausbau in Deutschland mehr Schwung", meint Liepertz.

Versteigerung der 5G-Frequenzen für 2018 geplant

Die Versteigerung der 5G-Frequenzen ist für 2018 geplant. Ein genauer Zeitplan für die Versteigerung der Frequenzen mit 2- und 3,6-GHz sowie der UMTS-Frequenzen steht noch nicht fest. Eines der Probleme besteht darin, dass es aktuell nur eine geschäftsführende Bundesregierung gibt, dies erschwert die Organisation. Die Auktion soll jedoch zeitnah erfolgen, damit Netzbetreiber und andere Unternehmen bereits 2019 mit der Planung und dem Aufbau der 5G-Netze beginnen können.

Netzneutralität

Der Deutsche Bundestag hat im April 2017 - um eine entsprechende EU-Richtlinie umzusetzen - eine Novelle des Telekommunikationsgesetzes beschlossen, das kostenpflichtige Überholspuren für Daten nun grundsätzlich verbietet. Das Gesetz erlaubt aber Ausnahmen, bei denen eine "angemessene Verwaltung des Datenverkehrs" zulässig ist. Nach gängiger Lesart geht es dabei etwa um telemedizinische Anwendungen oder andere Dienste, bei denen Verzögerungs-Schwankungen zu einem ganzen oder teilweisen Funktionsausfall führen könnten, wie etwa auch bei internationalen Videokonferenzen. Auch das umstrittene "Zero Rating" bleibt grundsätzlich erlaubt. Hier wird der mobile Datenverbrauch den Kunden bei Nutzung von Streaming-Diensten nicht auf das im Mobilfunktarif enthaltene Inklusiv-Datenvolumen angerechnet. Kritiker sagen, diese Tarife widersprechen der Idee der Gleichbehandlung.

In den USA hatte die Regulierungsbehörde FCC im Dezember 2017 die Abschaffung der Netzneutralität beschlossen. Die US-Entscheidung dürfte längerfristig wohl auch bei uns spürbar sein, weil kleinere Anbieter es in den USA nun schwerer haben, überhaupt so groß zu werden, dass sie auch jenseits des Atlantiks zu bedeutenden Playern werden.

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