Expertenbeitrag

 Mauro Adorno

Mauro Adorno

Managing Director für Europa, ToolsGroup GmbH

Risikoprävention 5 Best Practices zum Schutz der Supply Chain

Autor / Redakteur: Mauro Adorno / Stefan Guggenberger

Die COVID-19-Pandemie hat vielen Unternehmen gezeigt, wie fragil ihre Lieferketten trotz scheinbar umfangreicher Planungen sind. Wie die Supply Chain durch eine digitale Transformation resilienter und effizienter wird, zeigen fünf Best Practices.

Was passiert, wenn ein Lieferant aufgrund eines Corona-Ausbruchs nicht produzieren kann? Durch die Auswertung von Daten mit digitalen Tools können schnell Entscheidungen getroffen werden, um selbst handlungsfähig zu bleiben.
Was passiert, wenn ein Lieferant aufgrund eines Corona-Ausbruchs nicht produzieren kann? Durch die Auswertung von Daten mit digitalen Tools können schnell Entscheidungen getroffen werden, um selbst handlungsfähig zu bleiben.
(Bild: gemeinfrei // Unsplash)

Viele Unternehmen haben Schwierigkeiten durch die Pandemie zu kommen. Oft liegt dies an Unterbrechungen in der Supply Chain. Die Studie ‚Digitale Transformation in der Supply-Chain-Planung‘ hat gezeigt, dass Unternehmen mit soliden digitalen Transformationsstrategien am besten auf Unterbrechungen reagieren und den Betrieb aufrechterhalten können. Folgende Best Practices sollten Unternehmen jetzt angehen, um ihre aktuellen und künftigen Überlebenschancen auch angesichts kommender Krisen zu erhöhen:

#1 Effektive Supply-Chain-Planungstools nutzen

Planungstools sind die persönliche Schutzausrüstung der Supply-Chain-Branche. Ja, auch Milchpumpen können zu lebensrettenden Beatmungsgeräten umfunktioniert werden. Das heißt aber noch lange nicht, dass sich Unternehmen auf eine behelfsmäßige Kombination nicht kalibrierter Tabellenkalkulationen und einfachen Überschlagsrechnungen verlassen sollten, um in Krisenzeiten ihr Geschäft aufrechtzuerhalten.

Aber über welche Fähigkeiten sollte eine robuste Supply-Chain-Planungslösung verfügen, um Unternehmen ausreichend für die nächsten Krisen zu rüsten? Folgende Kriterien sollten hierbei auf jeden Fall berücksichtigt werden:

  • Die Fähigkeit, eine relevante Produktsegmentierung in Übereinstimmung mit dem Lebenszyklus eines jeden Produkts durchzuführen und zu pflegen.
  • Eine robuste, reaktionsfähige und interaktive Prognosefähigkeit (vorzugsweise inklusive Konsensplanung und der Fähigkeit, sowohl kurzfristige als auch langfristige Makro-Kausalfaktoren zu korrelieren).
  • Eine robuste Beschaffungsplanung, die dabei hilft, die Kosten und Risiken von Kompromissen zu bewerten, während sie gleichzeitig einen Überblick über die Lagerbestände bietet und eine ausreichende zeitliche Analyse für deren Verwaltung ermöglicht.
  • Machine-Learning-Funktionen zur Unterstützung von Prognose- und Planungsaktivitäten.
  • Interaktive Funktionen für das Ausnahmemanagement, welche die Möglichkeit zur Durchführung von Auswirkungs- und Trendanalysen bieten.
  • Unterstützung für S&OP-Strategie, also für die strategische Absatzplanung (Sales and Operations), und Entscheidungsfindung.
  • Robuste Funktionen für das Beschaffungsmanagement innerhalb eines Netzwerkes, die schnelle Anpassungen sowie die Verfolgung und Analyse früherer Ergebnisse ermöglichen.
  • Die Fähigkeit, genaue Stammdaten und Parameter im Laufe der Zeit zu pflegen und zu messen.

#2 Ein resilientes Supply Chain Netzwerk aufbauen

Die Planung eines resilienten Netzwerkes ist das Social Distancing der Supply Chain: auch hier kommt es auf den optimalen Abstand zwischen den Ressourcen an. In den letzten Jahren hat sich eine Tendenz abgezeichnet, extrem schlanke, spezialisierte Netzwerke zu entwickeln. Diese zielen darauf ab, zuverlässige Lieferzeiten zu möglichst geringen Kosten zu gewährleisten. In Katastrophenzeiten können Lieferunterbrechungen den Betrieb solcher Netzwerke aber komplett zum Erliegen bringen. Wie zum Beispiel bei jenen Herstellern von Schutzausrüstungen, die aufgrund des Lockdowns von ihren Zulieferern abgeschnitten wurden, oder die Seefrachtgesellschaft, die ihre Schiffe reduzieren musste, weil sie diese weder auslasten noch aus Sicherheitsgründen mit der gleichen Crew betreiben konnte.

Viel zu lange haben Unternehmen mit nur wenigen alternativen Zulieferquellen operiert, sodass bereits eine Naturkatastrophe ausreicht, um sie in die Knie zu zwingen. Unternehmen müssen nicht nur ihre Netzwerke und Transportmodalitäten überdenken, sondern auch alternative Zulieferer berücksichtigen, um ein mögliches Risiko zu minimieren. Dies kann sich zwar verstärkt auf den Wareneinsatz und die Rentabilität auswirken, ist aber notwendig, um bei Lieferunterbrechungen den Betrieb wie gewohnt weiterzuführen.

#3 Kennzahlen mit fortschrittlichen Analysen überwachen

Die Überwachung der Performance-Kennzahlen eines Unternehmens ist wichtig, um in Krisenzeiten kritische Entscheidungen treffen zu können. Digital Twins und operative Control Towers sind mehr als nur Modewörter. Diese Lösungen sammeln die Daten, die für den Betrieb eines Unternehmens erforderlich sind. Sie geben Antworten auf strategisch kritische Fragen wie: Wie sehen die Bestandsprognosen angesichts der Störungen bei Nachfrage, Angebot und erhöhtem Schwund aus? Wie wirkt sich die normale Saisonalität auf typische Bestell- und Verbrauchsmuster aus? Wo befinden sich unsere Produkte und welche kumulativen Auswirkungen haben Verzögerungen?

Viele Unternehmen haben keinen schnellen Zugriff auf die notwendigen Daten, um solche Fragen zu beantworten. Stattdessen benötigen sie alle verfügbaren Köpfe, vom Praktikanten bis hin zum teuren Berater, um die Daten zusammenzutragen und entsprechend reagieren zu können. Wenn es mehr als ein paar Stunden dauert, die Daten zu sammeln und zu überprüfen, um eine wichtige Entscheidung zu treffen, kann das schon zu spät sein.

Wenn es bei einem Hauptlieferanten aufgrund eines lokal begrenzten Corona-Ausbruchs oder einer Wetterkatastrophe zu einem Betriebsausfall kommt, müssen Unternehmen in der Lage sein, eine schnelle strategische Neuausrichtung durchzuführen. Oftmals greifen Unternehmen in solchen Situationen einfach auf den nächstbesten Anbieter zurück, obwohl dieser ebenfalls kurz vor der gleichen Unterbrechung stehen könnte oder bestimmte Anforderung nicht erfüllen kann.

#4 Wissenserhalt und Change Management priorisieren

Oft investieren Unternehmen in Supply-Chain-Planungssysteme und -Prozesse, versäumen es aber, ihre Mitarbeiter für die Verwaltung dieser Systeme zu schulen. Selbst ein hochmodernes Planungssystem wird nicht die erwarteten Ergebnisse liefern, wenn die Schulung unzureichend war oder ein wichtiger Mitarbeiter das Unternehmen verlässt. Dies führt dann dazu, dass Unternehmen im Krisenfall auf alte Systeme und Prozesse (sogar auf Excel) zurückgreifen, anstatt auf die Systeme, die für diese Art von Problemen konzipiert wurden. Unternehmen, die hingegen in regelmäßige Schulungen und Weiterqualifizierung ihrer Mitarbeiter investieren, können Krisenzeiten besser bewältigen.

Während einer Krise werden Disponenten mit Problemen konfrontiert, die mit einer deutlich veränderten oder sich verschiebenden Nachfrage in Bereichen mit eingeschränktem Angebot oder Kapazität zusammenhängen. Während der ersten Welle der Covid-19-Pandemie verzeichneten Unternehmen wie Elektronik- und Desinfektionsmittelfirmen einen signifikanten Anstieg der Nachfrage. Unternehmen, die Artikel wie tragbare Tafeln herstellen, wurden mit Nachbestellungen überschwemmt, da das Homelearning während des Lockdowns anstieg. Andere Unternehmen verzeichneten eine Verschiebung der Nachfrage von einer Produktart zu einer anderen, zum Beispiel in der Lebensmittelindustrie.

Ohne Mitarbeiter, die über die nötige Erfahrung und Ausbildung verfügen, um diese Verschiebungen schnell zu erkennen und darauf zu reagieren, können Unternehmen große Verluste erleiden. Die Entwicklung interner Richtlinien und Kontrollmechanismen ist notwendig, um sicherzustellen, dass große Kapitalverschiebungen sowohl beim Angebot als auch bei der Kapazität gerechtfertigt sind.

#5 Effektive Szenarioplanung implementieren

Egal, ob als Teil eines umfassenden S&OP-Prozesses, innerhalb eines Digital Twins oder eines operativen Control Towers, die Szenarioplanung hilft, das reibungslose Funktionieren der Supply Chain zu gewährleisten.

Unternehmen nutzen heute eine Vielzahl von Planungstools, um Katastrophenszenarien zu modellieren und ein organisatorisches Gedächtnis für den Ernstfall aufzubauen. Die Durchführung von Modellen, die sowohl kurz- als auch langfristige Auswirkungen auf die Nachfrage, das Angebot und die Kapazität beinhalten, sind ein gesunder Weg, sich auf eine breite Palette möglicher Ereignisse vorzubereiten. Die meisten nützlichen Szenarien modellieren Liefer- und/oder Kapazitätsbeschränkungen. Weitere Modelle, die Unternehmen berücksichtigen sollten sind: Netzwerkunterbrechungen, Kostenänderungen bei Rohstoffen, allmähliche und schnelle wirtschaftliche Veränderungen, Naturkatastrophen. Die besten Systeme, die im Einsatz sind, können Informationen wie Corona-Hotspot-Daten, Wetterdaten und sogar makroökonomische Daten überlagern, um die entsprechende Reaktion in Echtzeit zu planen.

Unternehmen können es sich nicht leisten, von der nächsten Krise erneut unvorbereitet erwischt zu werden. Stattdessen müssen sie diese Szenarien antizipieren, üben und wiederholen, bevor die nächste Katastrophe eintritt. Diese besprochenen Best Practices helfen dabei, die Supply Chain auch in Krisenzeiten abzusichern. Denn eines ist in diesen ungewissen Zeiten sicher: erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.

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