Drehteilefertigung

Ein Mittelständler zeigt, wie Industrie 4.0 geht

| Autor / Redakteur: Eduard Rüsing / Reinhold Schäfer

Diamantierprozess auf einer Drehmaschine: Das Diamantieren von Nichteisenmetallen ist die Dreh-/Fräsbearbeitung mit einem Diamanten. Sie erfordert ein besonderes Know-how im Unternehmen.
Diamantierprozess auf einer Drehmaschine: Das Diamantieren von Nichteisenmetallen ist die Dreh-/Fräsbearbeitung mit einem Diamanten. Sie erfordert ein besonderes Know-how im Unternehmen. (Bild: August Weckermann)

Mit der Einführung eines ERP-Systems wurden die Fertigungsprozesse des Dreh- und Frästeilherstellers Gewatec den Kundenanforderungen angepasst. Das Ergebnis nach drei Jahren: gestraffte Ablaufstrukturen mit (mindestens) einem reinen Industrie-4.0-Prozess, Umlaufbestände halbiert, dazu ein Produktivitätsplus von über 10 %.

Wie kann ein Drehteilhersteller Industrie 4.0 umsetzen? Unter Industrie 4.0 versteht man die Digitalisierung und gleichzeitige Vernetzung der Unternehmensabläufe. Dabei gibt es verschiedene Stufen der Digitalisierung, die von einer in weiten Teilen noch händisch organisierten Fertigung mit einzelnen IT-Inseln bis zur höchsten Idealstufe einer sich selbst steuernden und vernetzten Produktion im Sinne von Industrie 4.0 reicht.

Das heißt, wer in der Champions League der Digitalisierung mitspielen will, braucht eine dauerhafte, nachhaltige Digitalisierungsstrategie, die das Unternehmen Schritt für Schritt an die Spitze bringt. Denn es ist illusorisch, zu glauben, dies gehe von heute auf morgen. So wie jedes gut geführte Unternehmen seine technische Grundlage und sein Know-how immer weiter entwickeln und verbessern wird, so muss auch eine kontinuierliche digitale Transformation sozusagen Teil der betrieblichen Erfolgs-DNS werden.

Diamantierte Teile setzen sich durch

Ein Unternehmen, das diese Zeichen der Zeit verstanden und seine gesamten Fertigungsabläufe auf einen neuen digitalisierten Stand gebracht hat, ist der Präzisionsdreh- und -frästeilhersteller August Weckermann aus Eisenbach im Hochschwarzwald. Der Firmengründer begann 1885, Teile für die Uhrenindustrie in seiner Bauernstube zu fertigen. Heute ist das Unternehmen mit seinen über 170 Mitarbeitern einer der führenden Spezialisten für diamantierte Glanzoberflächen und beliefert mit diamantierten Teilen alle großen Unternehmen der Sanitärbranche.

Beim Diamantieren, der Dreh- und Fräsbearbeitung eines Nichteisenmetall-Werkstücks mit einem Diamanten, trägt der Diamant etwas Material ab, drückt aber auch gleichzeitig auf das Werkstück. Durch die Druckphase entsteht eine hervorragende, hochglanzpolierte Oberfläche, die ohne weiteres Polieren galvanisiert werden kann. Diamantierte Produkte von August Weckermann setzten sich schnell auf dem Markt durch, „ohne dass man groß Werbung machen musste“, so der Juniorchef David Duttlinger. Mittlerweile erzielt das Unternehmen 70 % des Umsatzes durch Premiumprodukte für die Sanitärbranche. Der damit verbundene Aufschwung führte 2006 zum Bau eines neuen Logistikzentrums und zusätzlicher Produktionsfläche von 2500 m².

Was bei dem Wachstum weitgehend außen vor blieb, war eine parallele Modernisierung der Organisationsabläufe. Es gab vereinzelte IT-Insellösungen, wie ein rudimentäres Warenwirtschaftssystem auf MS-DOS-Basis oder die CAQ-Lösung Grips von Gewatec als Einzelmodul. „Aber wachsende Kundenanforderungen, wie zum Beispiel eine Chargenrückverfolgung, eine Dokumentation der Qualität der Produkte oder eine sinnvolle Steuerung und Erfassung der Wartung und Instandhaltung des Maschinenparks und der Werkzeuge, konnten vermehrt nur mit großem personellen Aufwand erfüllt werden. Deshalb war ein Handeln dringend geboten“, erzählt Duttlinger. Auf den Punkt gebracht gehe es darum, automatisierte Abläufe zu schaffen, mit denen es die Anwender einfacher haben und die die Produktivität erhöhen.

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Digitalverantwortlicher ist notwendig

Mit der Aufgabe einer grundlegenden Modernisierung der Ablaufstrukturen hatte der Vater auf das Know-how des Jüngeren „gewartet“. Es wurde begonnen, sobald dieser 2012 nach Studium und ersten Erfahrungen in der Industrie ins Familienunternehmen eingestiegen war. Duttlinger erläutert: „Die finanziellen Mittel standen dann entsprechend bereit und ich wurde weitgehend vom Alltagsgeschäft freigestellt, was sich im Nachhinein als absolut notwendige Voraussetzung erwies. Es braucht zwingend jemand, ob man ihn jetzt als CDO (Chief Digital Officer) bezeichnet oder wie auch immer, der die Digitalisierung und Optimierung der individuellen Unternehmensprozesse verantwortlich vorantreibt und deren Umsetzung mit kompetenten Partnern koordiniert.“

Der erste größere Schritt in eine neue Welt der digitalisierten Fabrik war die Einführung der ERP/MES-Lösung von Gewatec, die gekennzeichnet ist durch eine weitestgehende Integration aller IT-Module von der Erfassung der Prozess- und Qualitätsdaten in Echtzeit an der Maschine bis zur Onlineanbindung über zum Beispiel Smartphone oder Tablet. Die Digitalisierung der bestehenden Prozesse mit einer hoch integrierten und modernen ERP-Lösung ist eine gute Basis. Sie enthält im Normalfall bereits eine Reihe von I4.0-Ansätzen. Wichtig sei, so Duttlinger, dass sämtliche Prozessstrukturen im digitalen System abgebildet werden.

Die Wahl des Gewatec-Systems fiel nach gründlicher Marktsondierung. „Das Branchen-ERP für Präzisionsteilhersteller von Gewatec konnte im Standard schon viele unserer Anforderungen erfüllen. Außerdem zeigte sich bei Testläufen sehr schnell das Verständnis und die tiefere Einsicht, die die Gewatec-Mitarbeiter aufgrund ihrer beruflichen Erfahrungen in Drehereien für unsere branchenspezifischen Themenfelder mitbrachten“, blickt der Juniorchef zurück.

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