Gastinterview Philosophie und Technik

„Die menschliche Verantwortung kann keine Maschine abnehmen“

| Redakteur: Franz Graser

Wanderer zwischen den Geisteswelten: Professor Julian Nida-Rümelin lehrt Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er studierte nicht nur Philosophie, sondern auch Mathematik, Physik und Politik und beschäftigt sich unter anderem mit dem Spannungsverhältnis zwischen Technik und Ethik.
Wanderer zwischen den Geisteswelten: Professor Julian Nida-Rümelin lehrt Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er studierte nicht nur Philosophie, sondern auch Mathematik, Physik und Politik und beschäftigt sich unter anderem mit dem Spannungsverhältnis zwischen Technik und Ethik. (Bild: Copyright: (c) Bernd Euring 2010)

KI, Gentechnik, Cyborgs: Wie weit darf die technische Entwicklung gehen? Der Münchner Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin betrachtet im Interview das Spannungsfeld zwischen Technik, Ethik, Recht und Ökonomie.

Herr Professor Nida-Rümelin, was halten Sie für die größten technischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte?

Diese Frage richtet sich eher an Technikhistoriker und nicht an die Philosophie. Aber es ist klar, dass das Maschinenzeitalter im 19. Jahrhundert ohne die Dampfmaschine und besonders die Nutzung fossiler Energieträger als Treiber der Wirtschaftsentwicklung nicht möglich gewesen wäre. Damit wurde auch ein sehr starker Produktivitätszuwachs ausgelöst. Und die zweitgrößte technologische Innovation ist sicher die Digitalisierung.

Welcher Aspekt der Digitalisierung ist für Sie am interessantesten?

Ein Aspekt der Digitalisierung ist, dass wir sehr viel effizienter miteinander kommunizieren können. Das ist durch das Internet noch mal auf eine neue Basis gestellt worden. Aber die Digitalisierung ist natürlich mit der Computertechnologie verbunden und war schon vor dem Internet ein wesentlicher Treiber der Kommunikationsprozesse.

Jetzt zeichnet sich eine weitere Entwicklung ab, von der noch nicht klar ist, wie weit sie geht. Manche sagen, die Arbeitskräfte werden zur Hälfte eingespart. Da bin ich skeptisch. In der Gesamtrechnung wird das so nicht kommen. Da bin ich ziemlich sicher. Wir haben auch erstaunlicherweise gerade in den letzten Jahren ein relativ mäßige Produktivitätssteigerung gehabt – trotz der Digitalisierung. Und das ist auch ein interessantes Phänomen. Aber viel deutet darauf hin, dass die industriellen Fertigungspraktiken durch die Digitalisierung nun noch mal grundlegend verändert werden.

Ergänzendes zum Thema
 
Zur Person: Julian Nida-Rümelin

Wenn man jetzt nach vorne blickt: Wo liegen die Chancen in den kommenden 50 Jahren und was sehen Sie eher kritisch?

Kritisch beurteile ich vor allem solche Voraussagen. Alle diese Voraussagen haben sich in der Vergangenheit als falsch herausgestellt. Deswegen sollte man nicht anfangen, dieselben Fehler wieder zu machen. Noch vor wenigen Jahren hieß es, wir werden demnächst nicht mehr ins Büro gehen müssen, sondern an dem Ort, an dem wir gerade sind mit dem Laptop arbeiten.

Das hat sich nicht bewahrheitet. Manche Geographen meinten, dass die Stadt ihre Funktion einbüßt, weil es nicht mehr nötig sei, Entfernungen zu überwinden. Das ist ja der große Vorteil der Stadt, dass dort die Entfernungen sehr kurz sind. Auch das hat sich als ganz falsch herausgestellt. Die Verstädterung nimmt massiv zu – weltweit.

Wir hatten die These vom papierlosen Büro. Ganz falsch, denn so viel Papier wie heute wurde noch nie bedruckt. Wir hatten die These vom Ende des Buches. Ganz falsch, denn das Buch ist in einer guten Verfassung. Ich werde auf jeden Fall nicht den selben Fehler machen und jetzt 50 Jahre im Voraus Prognosen formulieren.

Ich glaube, wir sollten uns auf eine Phase massiver Veränderungen der Arbeitswelt einrichten. Ich glaube nicht, dass das am besten erfolgt, indem wir die Berufe durchgängig akademisieren. Ich glaube, dass die digitale Kompetenz in den allgemeinbildenden Schulen eine zentrale Rolle spielen sollte – anders als heute, damit wir gewappnet und vorbereitet sind und hinreichend flexibel für die neuen Herausforderungen, von denen wir heute nicht sagen können wie sie sich genau darstellen werden.

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